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Sonntag, 19. Dezember 2010

Weihnachten mit Odysseus (Letzte Folge)

   "Heute, an Heilig Abend, sind ja die meisten Familien unter sich, so wie wir auch", erklärte Frau Schulze ihren Kindern, "aber wenn ihr möchtet, dann können wir Papas neuen Freund und dessen Frau ja für Morgen zum Kaffee einladen."
   "Au ja, au ja!" jauchzten da die Kinder und Odysseus blickte ganz gerührt.
   "Werden Sie kommen?" fragte er und sah mich dabei unsicher an.
   "Wir werden kommen", sagte ich mit fester Stimme, "den Weg", und dann verbesserte ich mich sogleich, "den Umweg zu Ihnen kenne ich nun ja!"

   Noch auf der Rückfahrt klang mir das helle Kinderlachen in den Ohren und ich freute mich auf den festlichen Abend mit meiner Frau, die gewiss schon ganz ungeduldig auf mich wartete. Aber fast noch ein bisschen mehr freute ich mich auf den morgigen Tag und auf ein Wiedersehen mit den strahlenden Augen von Fatima und Mehmet.


Aus: Stefan Grimm, Die Stadt in der Schachtel, Regia Verlag Cottbus 2004




Euch allen einen wundervollen vierten Advent!

Sonntag, 12. Dezember 2010

Weihnachten mit Odysseus (Fortsetzung)



   "Geddestraße?"
   "Ja, Geddestraße. Joann Wolfgang Gedde. Sie kennen bestimmt, Landsmann von Ihnen."
   "Goethestraße, stimmt, die ist da vorne. Aber wollten Sie nicht eigentlich zu Ihrer Familie nach Hause und Weihnachten feiern?"
   "Ja, Weihnachten feiern, aber Baum bei meine Schwager auf Balkon. Bitte, Herr, nix böse sein, meine Schwager is letzte Station von unsere Reise, dann fahren nach Hause."
   Die Familie des Schwagers wohnte Parterre in einem Mehrfamilienhaus. Auch hier wurden wir gastfreundschaftlich aufgenommen. Während Odysseus mit seiner Schwägerin in der Küche schwatzte, nahm mich sein Schwager beiseite und bot mir ein Bier an. Wir setzten uns an den Esszimmertisch.
   "Danke, dass Sie meinen Schwager hergefahren haben. Er ist noch nicht lange in Deutschland und tut sich noch etwas schwer. Zum Wohl!"
   Wir prosteten uns zu und nippten an unseren Nulldreifläschchen, während Odysseus grinsend im Türrahmen erschien.
   "Guter Mann!" sagte er und zeigte auf mich, "sehr guter Mann!"

   Wir verließen die Goethestraße mit einem schmucken Tännchen auf dem Rücksitz und den allerbesten Segenswünschen zum frohen Fest.
   Kurz vor sechs hielten wir dann endlich in der Beethovenstraße. Wir stiegen aus, Odysseus trug den Korb mit den Geschenken, ich hielt das kleine Tännchen fest umschlossen in meiner Hand.
   Odysseus schloss die Haustüre auf, machte Licht im Treppenhaus und wir stiegen hinauf in den zweiten Stock. Dort klopfte er an eine Wohnungstür. Kinderschreie im Flur: "Ich, ich, ich!" Nein, ich!" Dann wurde die Tür geöffnet und zwei Kinder standen da, Fatima und Mehmet, und riefen abwechselnd und im Chor: "Papa! Papa! Papa!"
   Wir betraten eine kleine, aber gemütlich hergerichtete Wohnung. Im Wohnzimmer stellten wir Korb und Tännchen ab und begrüßten Frau Schulze, die - typisch Weihnachten - mit einer Schürze aus der Küche kam. Odysseus begrüßte sie liebevoll und stellte mich als seinen großen Retter in der Not vor. Ich winkte bescheiden ab, genoss aber auch ein bisschen die Dankbarkeit, die mir von allen Mitgliedern der Familie entgegengebracht wurde.
   "Spiel mit uns! Spiel mit uns!" riefen die beiden Kinder und klammerten sich an mich, aber ich musste ihnen leider sagen, dass zuhause auch eine liebe Frau auf mich wartete.

   (Fortsetzung folgt...)


   Aus: Stefan Grimm, Die Stadt in der Schachtel, erschienen im Regia-Verlag in Cottbus

Allen einen wunderschönen dritten Advent !

Sonntag, 5. Dezember 2010

Weihnachten mit Odysseus (Fortsetzung)

Dort angekommen, stiegen wir aus, klingelten, fuhren mit dem Aufzug hinauf in den achten Stock und wurden oben bereits an der Wohnungstür freudig in Empfang genommen. Schon im Flur duftete es ziemlich penetrant nach einer Mischung aus Rotkohl, Kümmel und Weihnachtsgebäck, dezent umrahmt von kleineren Schwaden orientalischen Tabaks. Der Bruder meines Begleiters empfing uns herzlich und führte uns in die gute Stube, wo sich halb Bagdad oder Istanbul tummelte. Greise und junge Männer auf Sesseln und Sofas, dazwischen und auf den Schößen überall Kinder. Mein Begleiter stellte mich jedem einzeln vor und ich musste mich bücken und strecken, bis ich die fröhliche Runde endlich geschafft hatte.
    In der Küche tummelte sich ein knappes Dutzend Frauen und auch hier ein freudiges Halli und Hallo. Schwupps hatte ich einen Teller voller Gebäck in der Hand, wurde lachend wieder hinauskomplimentiert in die Stube, zum Sitzen genötigt und wenig später bekam ich eine süßduftende Tasse mit dampfendem Tee vor die Nase gesetzt.
   "Essen und trinken!" ermutigte mich mein Begleiter und einige seiner Neffen und Nichten umgarnten mich neugierig.
    Mein Begleiter suchte inzwischen die Geschenke für seine Familie zusammen und bereits nach einer Dreiviertelstunde verließen wir gestärkt und bei bester Laune die himmlische Hölle von Afghanistan.

   Auf der Weiterfahrt fragte ich meinen Begleiter ein bisschen aus ohne dabei allzu unhöflich zu werden.
   "Ich wusste gar nicht, dass auch Mohammedaner Weihnachten feiern", stellte ich fest, worauf sich mein Begleiter in einem Redeschwall ergoss.
   "Wir nicht nur Muslime. Manche von uns Hindus, manche Orthodox, andere Sufis, einige Christen, andere Buddhisten, sogar Rastafari in meiner Verwandtschaft und ein paar Voodoo-Leute. Aber alle sehr, sehr religiös. Un Weihnachten is Weihnachten und ein Gott is ein Gott!"
   Die Philosophie meines Begleiters war erfrischend und ich musste ein wenig in mich hineingrinsen.
   "Wie heißen Sie eigentlich?" setzte ich das Gespräch nach einer Weile fort.
   "Mein voller Name lautet Ismael Salomon Odysseus al Hafi Schulze."
   "Schulze?" nun musste ich wirklich lachen, "ausgerechnet Sie mit all Ihrem exotischen Drumherum heißen Schulze!"
   "Ja, Sie lachen, Sie froher Mensch, Sie glücklich, sehr schön! Heiße Schulze, weil mein Frau eine Deutsche und weil in Deutschland besser leben mit eine deutsche Name!"
   Natürlich, hätte ich mir ja denken können!
   "Nächste rechts", sagte mein Begleiter, den wir von nun an - nomen est omen - und der Einfachheit halber Odysseus nennen wollen.
   "Nächste rechts?" fragte ich zurück, "aber Sie haben doch gesagt, dass Sie in der Beethovenstraße wohnen."
   "Ich wohnen Beethovenstraße, richtig. Aber Bruder von meine Frau wohnen Geddestraße."

   (Fortsetzung folgt...)


   Aus: Stefan Grimm, Die Stadt in der Schachtel, Regia-Verlag Cottbus, 2004

Allen einen wunderschönen zweiten Advent!

Samstag, 27. November 2010

Weihnachten mit Odysseus


Der Mann, der mich fragte, sprach nur gebrochen Deutsch. Er trug eine für die Jahreszeit viel zu leichte Jacke und hatte einen südländischen Akzent.
   "Entschuldigung", wandte er sich an mich, "können Sie sagen, wann kommt Zug?"
   Ich wollte gerade in mein Auto steigen und nach Hause fahren, hatte die Tür auch bereits geöffnet und saß in Gedanken längst hinterm Steuer und dann so eine Frage! Ich hätte den Mann auch barsch abweisen können, aber schließlich war es am Nachmittag von Heilig Abend und etwas Gutherzigkeit war wohl nicht fehl am Platz.
   "Wann der Zug kommt?" fragte ich zurück, "da müssen wir auf den Fahrplan schauen."
   "Ja, Fahrplan", wiederholte der Fremde, "jaja."
   Gemeinsam gingen wir auf den Bahnsteig, ich fragte ihn unterdessen, wohin er denn wolle, nach Freiberg, und musste ihm dann leider mitteilen, dass heute - 24. Dezember - ab 15 Uhr 34 kein Zug mehr dorthin fuhr.
   Als ich ihm das sagte, schien für ihn eine Welt zusammenzubrechen.
   "Meine Familie", stöhnte er, "meine Frau, kleine Fatima und kleine Mehmed. Und heute Weihnachten. Und heute kein Zug mehr."
   Freiberg, überlegte ich, nicht grade der nächste Weg, immerhin knapp zehn Kilometer einfach, aber an so einem Tag konnte ich auch einen Wildfremden nicht hilflos auf dem Bahnsteig zurücklassen.
   "Kommen Sie", sagte ich, "ich fahre Sie mit dem Auto hin!"
   "Sie mich bringen nach Freiberg?"
   Die Augen des Mannes erhellten sich und er strahlte übers ganze Gesicht.
   "Ich bezahlen!" fuhr er fort und kramte nach seinem Geldbeutel, aber ich winkte ab.
   Ich ließ ihn einsteigen, ließ den Motor an und fuhr zielstrebig auf die Bundesstraße.
   "Sie guter Mann!" sagte der Fremde immer wieder und sah mich dankbar von der Seite an
   Freiberg war bald erreicht. Ich fragte den Mann nach seiner Adresse, aber er druckste herum.
   "Muss zuerst noch zu meine Bruder, wenn möglich", radebrechte er, "Geschenke holen. Kinder nix wissen. Überraschung."
   Also fuhr ich mit meinem Begleiter zuerst zu seinem Bruder, der ganz zufällig genau am anderen Ende von Freiberg wohnte.
   Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen?

   (Fortsetzung folgt...)


   Aus: Stefan Grimm, Die Stadt in der Schachtel, Cottbus 2004, erschienen im Regia-Verlag.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Adventszeit.

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